Retro Commander - klassische 4X-Strategie im Test unter Linux

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Zurück zum klassischen 4x-Strategiespiel mit Basenbau, verschiedenen Einheiten und einigen Ressourcen - das verspricht Retro Commander.

Einleitung

Das klingt schonmal vielversprechend und ambitioniert. Kombiniert mit moderner Steuerung und schicker Comic-Grafik ist der RTS-Titel kostenlos für Windows, OS X und Linux auf ARM und natürlich x86 verfügbar. Erhältlich ist das Spiel auf Steam, itch.io und auf der herstellereigenen Downloadseite. Die Grundversion ist nämlich immer kostenfrei. Hier könnt ihr den Anfang der Kampagne und ein paar Szenarien spielen. Auch der Multiplayer-Teil ist kostenlos dabei und nutzbar, auch wenn die Kartenauswahl begrenzt ist. Wenn ihr die Entwickler unterstützen möchtet und Zugriff auf die gesamte Einzelspieler-Kampagne und alle Szenarien und Karten haben wollt, dann müsst ihr einmalig das "All Maps & Modding"-DLC für €19,50 erwerben.
In diesem Review haben wir hauptsächlich die Steam-Version getestet. Die Installation über itch.io's Oberfläche funktioniert zwar auch, der Start wollte uns nur nicht ganz gelingen. Jedoch konnten wir im Installationsordner das Startscript ./Retro Commander einfach direkt ausführen und so das Spiel starten.
Noble Master bietet wie gesagt auch einen direkten Download an, den ihr nutzen könnt, falls euch das auch nicht zusagt könnt ihr alternativ das Spiel sogar dank libGDX im Browser spielen. Verfügbar ist Retro Commander durch Java auf vielerlei Plattformen. Neben Windows und OS X auch für Linux (AMD64) aber auch Linux auf ARM-Prozessoren!

Der Entwickler Noble Masters ist bekannt für seine weiteren (rundenbasiert und Echtzeit) Strategiespiele Tropical Stormfront, Desert Stormfront aber auch Age of Conquest IV oder Demise of Nations. Der Auftakt zur Entstehung von Retro Commander begann vor knapp 6 Jahren, also 2017/2018. Am 11. Mai 2022 gelangte das Spiel in den Early Access und war zu Testzwecken schon spielbar. Der Release des Spiels fand dann am 25. November 2023 statt. Noble Master Games haben uns schon früh in der Entwicklung des Spiels kontaktiert und uns über die Updates und Änderungen auf dem Laufenden gehalten. Auch haben Sie uns freundlicherweise einen Key zur Verfügung gestellt, um auf die vollständige Kampagne und alle Szenarien zuzugreifen, vielen Dank dafür.

Über das Spiel

In der Kampagne lernt man Agent Johnson kennen, einem berühmten Wissenschafter. Seine Familie wird von einer Untergangssekte entführt und Agent Johnson mit ihnen in einem Labort in einer Höhle wieder zusammengeführt. Die Familie soll sich in Cryokammern legen. Jedoch wird die Familie dort nicht wieder befreit, da die Entführer von der Polizei überrumpelt und getötet werden ohne den Aufenthaltsort der entführten Familie offenbaren zu kümmen. Im Laufe der Zeit vergisst die Welt um dieses Labor und die Erosion im Laufe der Zeit trennt die Kapseln der Familie. Nachdem dreitausend Jahre vergangen sind, wird Agent Johnson durch einen Zufall wieder erweckt und stellt fest, dass seine Familie nicht mehr da ist. Nun muss er sich in einer neuen, von einem kataklysmischem Ereignis heimgesuchten Welt, zurecht finden, Verbündete suchen und feindliche Fraktionen bekämpfen, die um die verbleibenden Ressourcen auf der Erde kämpfen.

Die animierten Panels in der Kampagne erzählen fortlaufend vor und zwischen den Missionen die Geschichte weiter. Noble Masters hat das dafür selbst entwickelte Tool übrigens online gestellt und gestattet die Nutzung ohne Gebühren kostenfrei. Mehr dazu findet ihr unter Noble2DFX.

Noble Games selbst beschreibt Retro Commander als eine Mischung aus Command & Conquer und Supreme Commander. In der Tat handelt es sich um eine klassische Echtzeitstrategie mit Ressourcenabbau, Basenbau und Einheitenproduktion. Ganz im Sinne von Supreme Commander haben wir einen Commander und müssen Ressourcen abbauen oder nutzen und diese in Einheiten investieren, um den Gegner zu überwältigen. Einige unserer Ressourcen müssen wir dabei auch in die Forschung stecken, damit wir technologisch dem Feind nicht unterliegen und nicht im Kampf gegen mit Lasern bewaffnete Gegner uns mit einfachen Stöckern erwehren müssen.

Alle Gebäude benötigen Strom. Diesen können wir aus Solaranlagen bei Tag (es gibt einen Tag- und Nachtwechsel) gewinnen. Bei geeignetem Wind (dieser kann im Laufe des Spiels wechseln) und Wetter (Stürme sind möglich) sind auch Windanlagen als Stromquelle nutzbar. Ist ein Geothermie-Spot in der Nähe, können wir dort auch eine Geothermieanlage aufbauen und Strom erzeugen. Praktischerweise lassen sich gegen die schwankende Erzeugung auch Batterien bauen, um kurzzeitige Unterspannungen zu vermeiden.
Die produzierenden Gebäude für Luft, Wasser, Landfahrzeuge und Einheiten benötigen diesen Strom wenn sie Einheiten herstellen. Dazu haben wir die Möglichkeit Überlandleitungen zu bauen und die Gebäude miteinander zu verbinden. Neben der Energie benötigen wir zur Erzeugung unserer Einheiten auch Materie. Diese lässt sich aus den herumliegenden violetten Thaurium-Kristallen gewinnen, die wir mit unseren Sammlern abbauen können. Effektiver sind aber T-Kollektoren, die auf Hotspots gesetzt, auch Materie bereitstellen. Für den finalen Kampf mit nuklearen Mitteln benötigen wir noch Uran, das wir mit unseren Resourcen-Sammeln abbbauen können. Ist unsere Forschung weit genug, können wir uns auch Einstein bedienen und aus Energie allgemein Materie und auch im speziellen Uran herstellen.

Nun kann es losgehen mit der Rekrutierung unserer Armee. Die Kämpfe können an Land mit Fußeinheiten und Fahrzeugen stattfinden, aber auch in der Luft mit Jets und Langstreckenbombern. In der See tauchen unsere U-Boote nach den feindlichen Schiffen und unsere Zerstörer nehmen Küstenverteidigungsanlagen unter Beschuss.
In der Forschung streben wir immer neue Waffensysteme an und erstrecken unseren Machtbereich schliesslich auch in den Orbit, von wo aus wir Raketen und Energiewaffen einsetzen können. Auch Spezialgerät wie Stealth-Technologie, mysteriöse Portale oder Nuklearwaffen kommen im Verlauf des Spiels zum Einsatz.

Die Karten sind gut aufgebaut und man merkt, dass die Entwickler hier viel Arbeit in den Multiplayer-Part gesteckt haben. Sich auf einer Insel oder einem Kontinent einzuigeln ist nicht sehr sinnvoll und führt bald zu Ressourcenknappheit. Ausserdem müssen wir irgendwann an das begrenzte Uran herankommen. Daher muss man schon bald entweder über den Luftweg oder über das Meer seine Einheiten transportieren und expandieren. Hier muss man dann die Verteidigung, die neue Ressourcengewinnung aber auch die Einheitenproduktion im Blick behalten.

Zu Spielbeginn kann man zwischen vier Fraktionen wählen. Zur Auswahl stehen die Cassiopeia, Hydra, Draco und Orion. Die Fraktionen unterscheiden sich allerdings nur in der Startposition auf der Karte. Nach der Fraktionswahl muss der Spieler sich noch für eine Technologiefraktion entscheiden. Bei diesen stehen insgesamt fünf zur Verfügung. Die Grundeinheiten sind bei allen Fraktionen identisch, die Spezialisierungen bilden hier das Unterscheidungsmerkmal. Die GRA spezialisiert sich auf Stealth-Technologie, bei ELC stehen Roboter und Luftfahrt hoch im Kurs, die IDB hat Hoverfahrzeuge und Dronen. Die (vermutlich aus den gleichnamigen Maya-Terroristen aus der Kampagnenstory) entstandenen Maya-Technologien orientieren sich an Ablenkung und Portalen. Zum Schluss gibt es noch die sog. "Ancient Tech", also die uralte Technologie, die ganz auf Schilde setzt.

Die Portale sind eine Technologie, die wir auf den Karten versteckt vorfinden. Über die Portale können wir in eine Richtung hindurchgehen, und so Einheiten transportieren.

Übersicht im Endgame

Leider zeigen sich im Laufe einer längeren Spielpartie aber auch einige Schwächen. In einigen Kämpfen, sowohl im Einzelspielermodus aber beim sogenannten Comp-Stomping, bei dem man zusammen mit menschlichen Mitspielern im Coop gegen die KI antritt, kam es häufiger zu unübersichtlichen Situationen. Als Beispiel ist die Raketenwarnung sehr dominant wahrnehmbar (ein sehr lautes Warnpiepsen), der Einschlag war der Computerstimme aber keine Meldung wert, auch wenn unsere Basis in Schutt und Asche lag. Im Coop mussten wir bei den Angriffen häufig ganze Einheitenverbände über die gesamte Karte schippern. Das war nur manuell möglich, da auch ein Zielgebendes anklicken auf der Karte nicht möglich war. Darüber hinaus mussten wir jede unserer Panzereinheiten in Vierergruppen zusammenfinden und dann das Landungsboot sorgfältig platzieren, damit die Fahrzeuge hineinfahren können. Hier wäre es praktisch, wenn nicht nur das Transportfahrzeug selbst sich in eine brauchbare Position bewegen würde. Richtig optimal wäre es, wenn man eine Transportroute schnell definierten könnte, die über einen gesicherten Pfad über die Karte führt und zu einem Endpunkt leitet. Diesen könnte man dann als Ausgabepunkt seiner Fabriken benutzen. Eine Automatisierung während der hitzigen Gefechtsphasen würde meiner Meinung nach dem Spiel sehr sehr gut tun und auch die Anlehnung an das geistige Vorbild Supreme Commander stärken.

Insgesamt haben alle Einheiten ein im Gesamtbild recht ordentliches Eigenleben. Die Kampfflugzeuge haben eine kurze Reichweite und fliegen bei halben Tank wieder zurück. Auch starten sie autark bei ankommenden Feinden - genauso wie die Panzer beginnen Gegner anzugreifen, wenn diese sich nähern. Danach begeben sich die Truppen wieder in die Ausgangslage. Das ist sehr gut umgesetzt und diese Automatisierung hilft enorm. Leider halt jedoch nicht immer, denn in einigen Situationen mit auftankenden Flugzeugen waren diese nicht auswählbar. Ingesamt war die Auswahl eine Qual. Diese haben sich nämlich nur ungern aus dem Landeplatz bewegt. Es hatte scheinbar was damit zu tun, dass diese noch auftanken mussten. Oftmals führte das dann zu Situationen in denen einige Bomber schon wieder losflogen, jedoch ohne auf die anderen zu warten, obwohl wir alle Flieger auswählen wollten. Der kleine blaue Balken, der das wohlmöglich anzeigt, war im Eifer des Gefechts jedoch leicht zu übersehen und führte so zu irritierenden Situationen, in denen ich die Einheiten nicht so verwenden konnte, wie geplant. Hier wäre es gut, wenn das Spiel diesen Umstand besser kommuniziert, eventuell mit einem Tooltip oder einer Sprachansage, wieweit das Flugzeug bereits wieder aufgetankt ist.

Eine weitere Anmerkung hierzu, wenn man Flugzeugen ein Ziel gibt, dann sollten diese dort so lange kreisen, bis ihnen der Treibstoff ausgeht und sie zurückkehren müssen. Leider fliegen sie nur bis zum markierten Punkt und kehren dann wieder um. So eine Angriffstruppe aus mehreren Verbänden an strategischen Positionen zu platzieren ist leider schier unmöglich, da beim Eintreffen der Truppe die andere Truppe, die eigentlich warten sollte, schon wieder auf dem Heimweg ist.

Optisch fiel uns nur auf, dass die Resourcenernter nicht sehr aktiv wirken, sie stehen die meiste Zeit eigentlich nur herum und geben Dämpfe ab. Wenn sie schon Tiberium, Entschuldigung, Thaurium, abbauen, dann brauchen wir auch eine Schaufelanimation :-)

Was Spaß macht

Das klang jetzt nach viel Kritik - das Spiel als ganzes macht aber Spaß. Die Spielwelt ist zwar comichaft - aber in sich schlüssig und authentisch. Und sie ist enorm detailreich aufgebaut. Überall auf den Karten finden sich viele Anlehnungen an die Alte Welt, hinter jedem neuen aufgedecktem Fog of War versteckt sich ein kleines Gimmick. Alles bewegt sich, ist lebendig und auf der Welt präsent. Dazu tragen zum Beispiel auch die NPC-Fraktionen bei, die auf den Karten verteilt sind und friedlich vor sich hinleben, bevor sie in den Kampf mitverwickelt werden. Wer es ganz genau sehen will, kann den Kartenzoom auf bis zu 10% anheben und näher an seine Einheiten heranrücken.

Die Ressourcenverwaltung ist logisch aufgebaut und die Notwendigkeit seine Gebäude auch mit dem Strom zu verbinden macht Sinn. In großen Ressourcenmangel sind wir in unseren Matches eigentlich ab Midgame nie geraten. Die Bauaufträge wurden vom Commander und von seinen Minions flott und vor allem zuverlässig umgesetzt.

Dadurch kann man als Spieler seine Einheiten in Aktion erleben. Und das ist optisch gut umgesetzt und auch nicht innerhalb von wenigen Sekunden vorbei, so dass man auch etwas von der Action hat.

Multiplayer

Das LAN-Spiel oder auch übers Internet kann per Direktverbindung geschehen. Für eine Internetpartie muss ein Spieler ein Spiel starten und den Port 2300/TCP an seinem Router freigeben. Dann kann es auch losgehen. Der Multiplayer-Teil bietet neben diesen Modus auch einen Ranked-Modus und Eventspiele an. Aber natürlich könnt ihr auch den Chat nutzen, um freundliche Mitspieler aus der ganzen Welt zu finden. Zu der gesamten Zeit unseres Tests - knapp eine Woche nach Release - waren zu jeder Zeit um die 50 Mitspieler online. Ihr wollt regelmäßig mit festen Leuten zusammenspielen? Dann könnt ihr euch in einem selbst angelegtem Clan innerhalb des Spiels organiseren... (es gibt da übrigens auch einen Holarse-Clan).

Kaufen

Zugriff auf alle Karten, sowohl im Single als auch im Multiplayer, die gesamte Kampagne und Szenarien bekommt ihr beim Kauf des DLCs. Das Spiel selbst bekommt ihr auf itch.io als Download und im Browser, hier könnt ihr allerdings den DLC nicht erwerben. Auf Steam ist das Spiel ebenfalls verfügbar und der DLC einfach dazukaufbar. Auch auf der Herstellerseite könnt ihr das Spiel herunterladen und sogar im Browser spielen.

Um im Multiplayer spielen zu können, ist der DLC "All Maps & Modding" ausdrücklich nicht notwendig, allerdings habt ihr dann nur wenige Karten zur Verfügung auf denen ihr spielen könnt. Mit dem DLC bekommt ihr alle Karten, die ihr in der Kampagne, im Skirmish, im LAN und Online im Multiplayer benutzen können. Der DLC ist für €19,50 bei Steam erhältlich.

Fazit

Retro Commander hält was es verspricht - eine grundsolide RTS mit altem Charme und witziger Comic-Grafik. Die Action kommt dabei nicht zu kurz und auch für den schmalen Geldbeutel ist das Spiel dank des kostenlosem Materials und des Multiplayers gut geeignet. Das ermöglicht natürlich auch seinen Freunden das Spiel eben vorzuschlagen, um ein schnelles Match am Abend zu bestreiten. Dadurch, dass Retro Commander crossplattform lauffähig ist und auch crossplattform-Multiplayer anbietet, kommen hier alle Betriebssystemfreunde in den Genuss des Spiels.
Die Schwächen wird das Spiel im Lauf der Zeit ausgleichen - Noble Games hat bislang seine Spiele mit viel Liebe und einem langen Atem unterstützt und weiterentwickelt. Das wird hier nicht anders sein. Probiert es aus und fordert uns gerne zu einer Runde Coop gegen die KI heraus :-)

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